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[Wandern] Schneewandern am Berg Kuratoyama und der Onsen-Krieg

Schnee in Tokio? Dann auf zu dieser Wanderung. Sie ist ideal für Winter-Wanderer, die eine unberührte Natur genießen wollen. Jedoch nicht ohne passende Ausrüstung (Garmaschen, Stöcker, GPS und Grödel). In den anderen Jahreszeiten ist dies eine ruhige Wanderstrecke mit tollem Blick auf die umliegenden Bergketten, wo einst ein Onsen-Krieg entbrannte, der mittlerweile beigelegt ist.


Die Wanderung

Der Bahnhof Okutama überrascht uns. Es erinnert nämlich ein bisschen an ein altes Fachwerkhaus aus Deutschland. Direkt neben dem Gebäude entdecken wir den Schrein Tozan-jinja.

Der Schrein ist dem Bergsteigen gewidmet. Hier beten viele Wanderer für eine sichere Besteigung. Auch wir lassen eine Münze dort, bevor wir die Straße überqueren.

An der Haltestelle Nr. 2 warten wir, zusammen mit einer japanischen Omi, auf den Bus Richtung Minedani, der wenige Minuten später vorfährt. Wir steigen an der hinteren Tür ein, registrieren unsere Geldkarte (Suica) am Touchfeld und setzen uns. Da starrt uns die Omi an und fragt uns, was wir denn in den Bergen wollen? Es läge doch so viel Schnee.

Wir machen einen auf Tourist und tun so, als ob wir sie nicht verstehen. Irgendwann gibt sie die Nachfrage auf. Die 17-minütige Busfahrt kostet ~370 Yen. An der Haltestelle Kuratoguchi steigen wir aus.

Zuerst fallen uns die Schneemassen am Wegesrand auf. Wie es wohl auf dem Berg aussieht? Unter einem kleinen Busch können wir das erste Hinweisschild Kuratoyama entdecken.

Direkt darunter hängt ein kleines Schild, das uns vor Unfällen warnt. Wir nehmen uns also fest vor, vorsichtig zu sein. Zunächst geht es die vereiste Straße hinauf. Nach ein paar Schritten können wir den Okutama-See und den Okutama-Staudamm überblicken.

Hinter dem See ragt der berühmte Berg Takanosu hervor. Wanderer besteigen ihn oft als Übungsberg für den Fuji, da er einen ähnlichen Höhenunterschied aufweist. In einer Kurve blicken wir dieses Mal Richtung Osten auf den Berg Gozenyama, den ich schon im letzten Jahr bestiegen habe.

„Im Frühling kannst du auf dem Berg viele seltene Blumen entdecken und im Herbst Pilze suchen!“, erkläre ich meinem Begleiter, der zum ersten Mal in Okutama ist. Auf der linken Seite passieren wir die heiße Quelle Tsuru-no-Yu Onsen.

Schon seit mehr als 600 Jahren gibt es Onsen in Okutama und das Onsen Tsuru-no-Yu ist eins der ältesten. Doch nach dem Bau des Staudammes stieg der Wasserspiegel an und das Gebäude musste höhergelegt werden. Leider lag danach die heiße Quelle auf dem Boden des Sees, sodass ihr Wasser hinaufgepumpt werden musste.

Um die Unkosten der Verlegung des Gebäudes und das Hinaufpumpen stritten sich der Eigentümer des Onsen und die Erbauer des Staudamms seit 1957. Im Jahr 1991 wurde nach einer Initiative der Dorfbewohner dem Onsen-Betreiber rechtgegeben. Erst dann war der berühmte Onsen-Krieg vorbei.

Nach einigen Minuten stehen wir vor einer vereisten Treppe, die mit Schnee überdeckt ist.

Mit Schrecken stellen wir fest, dass das der Eingang unseres Wanderwegs ist. Vorsichtig halten wir uns am Geländer fest und steigen die Stufen hinauf.

Oben holen wir tief Luft und treffen auf den Schrein Onsen-jinja.

Dieser wurde zusammen mit dem Bau des Dammes errichtet. Vermutlich, um den Geist des Onsen zu beschwichtigen. Kurz beten wir dort, dann ziehen wir weiter. Der Weg verwandelt sich in kurzer Zeit in einen rutschigen Pfad.

Orientierungshilfe bieten hier, die Spuren im Schnee, bunte Bänder an den Bäumen und Schilder. An einigen Stellen ist es so glatt, dass wir auf allen Vieren den Berg hinaufsteigen. Je höher wir steigen, desto tiefer wird der Schnee. Nach nur einer Stunde stehen wir endlich auf dem 1.169 m Gipfel des Kuratoyama. Das Gipfelschild steckt im 30 cm Tiefschnee.

Doch dann bemerken wir die tolle Aussicht. Begeistert genießen wir den ungestörten Anblick auf die umliegenden Bergketten. Auf der linken Seite entdecken wir einen umgekippten Baumstumpf, auf den wir uns setzen.

Wir strecken unsere Füße von uns und genießen die absolute Stille.

Die Vögel scheinen noch fest zu schlafen. Es ist absolut still.

Etwas unsicher blicken wir in die Richtung, in die das Schild Richtung Minedani Homen und Onna-no-Yu zeigt. Hoffentlich finden wir den Abstiegsweg.

Dieses Mal gibt es nämlich keine Spuren im Schnee. Mutig kämpfen wir uns durch die 30 cm tiefe Schneedecke.

Nach einer Weile fragen wir uns: Sind wir hier richtig? Seilen und Schilder an Bäumen stellen sicher, dass wir uns nicht ganz so verlaufen.

Irgendwann stehen wir vor einer besonders steilen Stelle, die weder mit Seilen noch mit Ketten gesichert ist. Vorsichtig hangeln wir uns von Baum zu Baum, um nicht abzustürzen. Plötzlich löst sich ein dicker Stein, der den Abhang hinunterdonnert. Irgendwann hören wir ihn nicht mehr fallen. Der Schweiß steht uns auf der Stirn und unsere Herzen klopfen immer schneller. Schließlich klettern wir auf allen Vieren den Abhang hinab.

Nach 10 Minuten stehen wir endlich unten und werfen einen Blick zurück. Von hier unten sieht es deutlich leichter aus. Vielleicht sind wir einfach zu ängstlich? Ab hier treffen wir immer wieder auf Wildschwein-Spuren.

Es scheint fast so, als würde das Tier uns den Weg zeigen. Danke, liebe Wildschwein-Götter!

Es geht über den Kamm weiter den Berg hinab. Am nächsten Wegweiser treffen wir endlich auf frische Schuhabdrücke. Erleichtert folgen wir ihnen. Sie führen uns über einen schmalen Weg bis zu einem Stausee.

Ab hier ist der Weg schneefrei und wir gehen deutlich entspannter.

Schließlich erreichen wir die Landstraße 411 und überqueren sie. Auf der anderen Seite stoßen wir auf die Bushaltestelle Onna-no-Yu und die gleichnamige Quelle.

Genau hier wird das Wasser vom Grund des Sees heraufgepumpt und zum Onsen Tsuru-no-Yu transportiert. Erwartungsvoll halten wir unsere Hände in die Quelle und stellen fest, dass es ganz kalt ist.

Ein wenig enttäuscht trocknen wir uns die Hände an den Hosen und stellen uns an die Bushaltestelle. Da kommt auch schon der Bus und wir steigen müde ein. Wer möchte, kann an der Haltestelle Kuratoguchi aussteigen und zum Onsen Tsuru-no-Yu zurückgehen.

Fazit: Die Wanderung ist ideal für Winter-Anfänger, die eine absolut unberührte Natur genießen wollen. Du solltest aber die passende Ausrüstung (Garmaschen, Stöcker, GPS und Grödel) mitbringen. In den anderen Jahreszeiten ist dies eine schöne ruhige Wanderstrecke.


Wegweiser:
Bushaltestelle Kuratoguchi 倉戸口 バス停 → Kuratoyama 倉戸山 → Minedani Houmen 峰谷方面 → Bushaltestelle Onna-no-Yu  女の湯 バス停

Nützliche Schriftzeichen:
Berg Kuratoyama 倉戸山
Okutama 奥多摩
Bushaltestelle Kuratoguchi 倉戸口
Tsuru-no-Yu Onsen 鶴の湯温泉
Quelle Onna-no-Yu 女の湯
Schrein Tozan-jinja 登山神社
Minedani 峯谷
Haltestelle Kuratoguchi 倉戸口 バス停
Onsen-jinja 温泉神社
Minedani Homen 峰谷
Onna-no-Yu 女の湯
Bushaltestelle Onna-no-Yu basutei 女の湯バス停
Bushaltestelle Basutei バス停
Bahnhof Eki 駅
Rechts Migi 右
Links Hidari 左


Details
Distanz: 6,1 km
Dauer: 3.00/4.00 Stunden (ohne/mit Pausen)
Höhenmeter: 1169 m
Ansteigend: 628 m
Absteigend: 670 m
Schwierigkeitsgrad: ✭ ✭ ✭ ✩✩
Jahreszeit: Frühling-Herbst (im Winter nur mit Ausrüstung)
Startpunkt: Bahnhof Okutama 奥多摩駅 Oume Linie青梅線 -> Nishitokyo Bus -> Bushaltestelle Kuratoguchi 倉戸口 バス停
Endpunkt: Bushaltestelle Onna-no-Yu 女の湯 バス停 → Bahnhof Okutama 奥多摩駅 Oume Linie 青梅線
Fotos: 28. Januar 2016


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6 Kommentare

  • Corinna Outdoormädchen

    Ui, Du hast aber auch tolle Fotos gemacht! Der Takanosu sieht wirklich wunderschön aus :D

    Lese gern immer wieder von Deinen Touren!

    Liebe Grüße aus dem fast frühlingshaften Deutschland (mittlerweile liegt leider kaum mehr Schnee),
    Corinna

  • Isabelle

    Liebe Tessa,
    ich habe gerade deine Seite gefunden, du bist ja unglaublich !
    Ich komme beruflich oft , aber leider kurz nach Japan und gehe gern wandern ( …Jetlag-geplagt ;-) ).
    Meine Japanischkenntnisse erarbeite ich mir gerade und deine ausführlichen Beschreibungen helfen ja ungemein !!
    Gleich setze ich mich in den Flieger und morgen mittag genieße ich Tokyo :-)
    Die Schneewanderung am Kuratoyama ist ausgedruckt und die Thermoskanne im Tagesrucksack. Super !!!
    Vielen herzlichen Dank, Isa

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