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Weihnachten in Japan

Nur weil ich in Japan wohne, muss ich nicht gleich auch auf Weihnachten verzichten! Obwohl Japan durch den Buddhismus und den Shintoismus geprägt ist und nur 1% der Japaner Christen sind, wird hier durchaus auch Weihnachten gefeiert. Spätestens ab Mitte November schmücken japanische Kaufhäuser ihre Schaufenster mit typischen Weihnachtsdekorationen. Natürlich ist der 24.12. ein ganz normaler Arbeitstag. Familien feiern meist an Heiligabend ein kleines Fest für ihre Kinder mit frittiertem Hühnchen(!), Geschenken und Erdbeertorte. Pärchen dagegen gehen schick essen. Doch wie ist das eigentlich als Deutsche in Japan? Mit welchen Widerständen, Hürden und Problemen muss man rechnen? In diesem Artikel stelle ich euch mein Weihnachten in Japan vor.

Pinke Weihnachtsbäume

Vor ein paar Jahren zog ich Ende September nach Nara/Japan, um in einer japanischen Firma für ein halbes Jahr zu arbeiten. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase fühlte ich mich ganz wohl. Einen Monat später fuhr ich zufällig nach Kobe, um kleinere Besorgungen zu erledigen. Dort fielen mir die schönen Weihnachtsdekorationen der Gebäude und der Kaufhäuser auf, die auffällig mit bunten LED-Lichterketten geschmückt waren.

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Obwohl ich später erfahre, dass das keine Weihnachtsbeleuchtung ist, erinnern sie mich doch stark an Weihnachten. Zum ersten Mal verspürte ich etwas Heimweh und machte mir Gedanken über mein Weihnachtsfest. Mit wem soll ich Weihnachten feiern? Wo bekomme ich einen Weihnachtsbaum her? Wie kann ich Plätzchen in meinem Toaster backen? Alles Fragen, die mir im Kopf herumschwirrten. Vor fast jedem Laden in Kobe entdeckte ich geschmückte Weihnachtsbäume.

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Doch leider war kein einziger lebender Baum dabei. Stattdessen gab es ihn in grusligen Farben wie orange, pink oder sogar violett. Ich merkte, dass ich jeden Baum genau betrachtete, in der Hoffnung doch noch einen echten Baum zu entdecken. Doch leider hatte ich kein Glück. Vielleicht wachsen in Japan keine Tannen? Zuhause angekommen, suchte ich im Internet, um wenigsten bei mir zu Hause einen lebenden Baum aufzustellen. Nach kurzer Recherche wurde ich sogar fündig: IKEA bot für 20 Euro Weihnachtsbäume an. Das Problem war, dass der Laden einfach zu weit entfernt lag. Sollte das mein erstes Weihnachten ohne einen Tannenbaum sein?

Schweinshaxe zu Weihnachten

Zufällig fragte ich während der Mittagspause meinen Boss, ob japanische Firmen Weihnachten feiern. „Natürlich feiern wir! Doch für dieses Jahr hat sich noch niemand gemeldet, der unsere Feier organisiert“, antwortet er. Spontan hatte ich eine Idee und setzte ich mich mit zwei meiner Kollegen an einen Tisch. Ich überzeugte sie von meiner Idee, ein deutsches Weihnachtsfest zu veranstalten. Wir meldeten uns freiwillig als Oranisatoren. Überraschend gab man uns grünes Licht.

Sogleich fingen wir an zu planen. Wir erstellten Listen, um einen Termin zu bestimmen, und organisierten das Essen: Es sollte Schweinshaxe, Sauerkraut und Auflauf geben. Anderes deutsches Essen kannte man nicht. Doch bevor wir die Bestellung aufgeben, sollten wir das Essen doch wenigstens probieren? Also fuhren wir zu einem deutschen Restaurant, welches in unmittelbarer Nähe lag. Wir setzten uns an einen großen Tisch und warteten gespannt auf die Gerichte, die uns wenige Minuten später auf großen Tellern serviert wurden.

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Jeder erhielt noch einen kleinen Teller und Stäbchen, dann fielen wir über das Essen her. Es schmeckte uns recht gut und kam nahe an die deutschen Gerichte heran. Die Preise dagegen waren im Vergleich zu Deutschland ziemlich überteuert. Das größte Problem war für mich allerdings, Sauerkraut mit Stäbchen zu essen. Nachdem alle Teller geleert waren, stimmten wir aus Mangel an Alternativen einstimmig für dieses Restaurant.

Alles ist teuer

Eine Woche später stand der Termin und die Anzahl der Personen fest. Als Ort wählten wir die Cafeteria der Firma aus, die stand uns kostenlos zur Verfügung. Jetzt stellten wir eine Kostenliste auf und sammelten das Geld ein. Was fehlte noch für eine Weihnachtsfeier? Richtig, Geschenke! Wir überlegten lange, was wir schenken sollten und entschieden uns für selbst gebackene Plätzchen.

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Leider gibt es in Japan fast alles, nur keine Öfen in Privathaushalten. Meine Kollegen besaßen meist nur einen einfachen Grill-Toaster. Mein Boss schlug vor, dass wir das Personal der Cafeteria fragen, ob wir in deren Ofen backen könnten. Nach der Mittagspause staunte das Personal mit ihren weißen Mützen nicht schlecht, als wir die Küche betraten. Der Küchenchef zeigte uns stolz deren Ausstattung: ein großer Ofen, Bleche und ausreichende Arbeitsflächen. Zufrieden verließen wir die Küche und setzten uns an einen Tisch, um die Kosten der Zutaten zu berechnen. Doch leider bemerkten wir schnell, dass alles in Japan recht teuer war und das unseren Preisrahmen sprengen würde. Wir suchten im Internet nach Alternativen und fanden heraus, dass in unmittelbarer Nähe gerade eine deutsche Bäckerei aufgemacht hat. Also fuhren wir direkt dort hin. Im Laden angekommen, kam dann der große Schock: Jedes Plätzchen(!) sollte 1-2 Euro kosten. Schweren Herzens kauften wir pro Person zwei Plätzchen und ließen diese in Geschenkpapier einpacken. Besser als nichts!

Glühwein, deutsche Weine und Biere, bitte!

Jetzt fehlte noch das alkoholische Angebot. Wir fragten einige Kollegen, was sie gerne auf einer deutschen Weihnachtsfeier trinken wollten. Viele kannten Deutschland nur aus dem Fernsehen und wünschten sich: Glühwein, deutsche Weine und Biere. Glühwein entschlossen wir selbst herzustellen, um Kosten einzusparen. Wir forschte im Internet nach einem passenden Rezept und besorgten die gesamten Zutaten, einen Topf und eine Herdplatte. Deutsche Weine und Biere kaufte mein Boss aus einem angesehenen Laden in Osaka ein. Er kam irgendwann mit mehreren Kisten zur Arbeit und präsentierte Stolz Riesling und Becks. ^.^;

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Der Weihnachtsbaum-Schock

Schließlich fehlte nur noch der Weihnachtsbaum. Irgendwo in der Abstellkammer befand sich ein Plastik-Weihnachtsbaum, der jedes Jahr aufs Neue aufgestellt wird, erklärte man mir. Hoch motiviert überzeugte ich meine Kollegen, dass zu einer echten Weihnachtsfeier auch unbedingt ein echter Baum her muss und zeigte ihnen das Angebot von IKEA. Nach einer kurzen Diskussion wurde mein Vorhaben unterstützt und wir fuhren zusammen mit dem Auto zu IKEA. Kaum in der Markthalle angekommen, roch ich bereits den vertrauten Geruch. Zielstrebig ging ich auf den Stapel Bäume zu. Ich zog einen Baum heraus und war wieder geschockt: Jeder Baum besaß nur eine Größe von 50 cm und sah äußerst mickrig aus. Wenn ich da an meinen stattlichen 2 m Baum vom letzten Jahr dachte… Enttäuscht wählten wir den größten Baum aus und packten diesen in Zeitungspapier ein, um ihn sicher zu transportieren. Im Anschluss suchten wir nach passendem Schmuck. Direkt neben den Bäumen lagen natürlich alle möglichen Dekorationen bereit. Wir wählten einen Satz klassischer Kugeln, Geschenkboxen und Strohschmuck aus. Frohen Mutes fuhren wir zurück zur Firma. In der Cafeteria richteten wir die Tische her…

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… und stellten den Weihnachtsbaum auf. Wir organisierten einen kleinen Tisch, stellten darauf einen mit Sand gefüllten Mülleimer und steckten den Baum hinein. Schon wirkte der Baum insgesamt deutlich größer!

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Zufrieden betrachteten wir das Ergebnis: der Baum strahlte schon eine gewisse Festlichkeit aus und verwandelte die kahle Cafeteria in einen weihnachtlichen Ort. Dann fingen wir an, den Glühwein vorzubereiten. Wir warfen alle Zutaten in den großen Kochtopf und ließen ihn nach dem Aufkochen etwas ziehen, bis sich der Duft nach Zimt in der ganzen Cafeteria verteilte. Fertig! Kurze Zeit später lieferte das Restaurant die bestellten Gerichte und wir teilten die Speisen auf mehrere Teller auf.

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In den nächsten Minuten trafen die restlichen Kollegen ein und blieben zunächst erstaunt vor dem Weihnachtsbaum stehen. Einen echten Baum gab es noch nie in dieser Firma! Einige überzeugten sich von seiner Echtheit, indem sie ihn anfassten. Schließlich bekam jeder ein Glas in die Hand und mein Boss hielt eine kurze Ansprache. Wir erhoben die Gläser und tranken. Zu meiner Überraschung drückte man mir einen Zettel mit Weihnachtsliedern in die Hand: Eins in Deutsch – Oh Tannenbaum, eins in Englisch – White Christmas und eins in Japanisch – Rudolf, das Rentier. Zusammen stimmten wir die Lieder an.

Der Glühwein ist leer!

Jetzt folgte die große Bescherung durch den Weihnachtsmann! Wie jetzt?!? Woher haben meine Kollegen einen Weihnachtsmann aufgetrieben? Kurze Zeit später wurde ich in einen Weihnachtsmann verwandelt und sollte die Geschenke verteilen.

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Ich holte die Geschenke aus dem Sack hervor und übergab sie den hungrigen Kollegen. Belustigt wurden die kleinen Kekse bestaunt. Entschuldigend warfen wir ein, dass wir eigentlich vor hatten, die Kekse selbst zu backen, aber auf Grund der Kosten gescheitert waren. Das gipfelte in lautes Gelächter und die Kekse waren schnell verputzt. Nachdem alle Geschenke verteilt waren, eröffnet mein Boss das Buffet und wir stürmten zu den Gerichten. Das Essen kam gut an und auch der Glühwein erfreute sich großer Beliebtheit. Kurze Zeit später war er vernichtet. Beim Essen legte sich eine zufriedene Stille über die Cafeteria.

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Schließlich war das Buffet komplett aufgegessen und alle unterhielten sich ausgelassen. Gegen 21 Uhr verabschiedete sich mein Boss, und markierte damit das Ende der Feierlichkeiten. Widerwillig räumten wir die Cafeteria auf und stellten den Weihnachtsbaum ins Foyer der Firma. Etwas traurig über die kurze Weihnachtsfeier, warf ich noch einen letzten Blick zum Weihnachtsbaum, bevor ich mich auf den Heimweg begab.

Wenige Tage später feierte ich an Heiligabend mit ein Paar Freunden ein kleines Weihnachtsfest bei mir zu Hause. Es gab Rouladen, Kartoffeln und Rotkohl. Dazu servierte ich Kuchen. 🙂

Mittlerweile lebe ich schon länger in Japan und habe mich auch schon an die Sitten und Bräuche gewöhnt. Wenn es mir doch zu viel wird, wandere ich einfach auf den japanischen Alpen oder den Bergen im Wanderparadies Okutama, wenn ich nicht sowieso dort unterwegs bin. 😉

In dem Sinne wünsche ich allen ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Eure Tessa – Das WanderWeib!


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Dieser Artikel ist im Rahmen des Outdoor Blogger-Adventskalenders entstanden. Eine Übersicht über die Türchen meiner lieben Kolleginnen und Kollegen findest Du hier bei aufundab.eu. Davor war Abenteuersüchtig.de mit dem Bericht Fallschirmspringen dran. Heute gibt es noch einen weiteren Beitrag „A fetzn Gaudi“ von die Streunerin. Und morgen folgt das Türchen Nr. 22 Outdoor Spaß im Dunkeln von Tourendatenbank!

4 Gedanken zu „Weihnachten in Japan“

  1. Eine schöne Idee war es, dein Weihnachten deinen Kollegen näher zu bringen. Hat Spaß gemacht deinen Bericht zu lesen. Und endlich mal ein echter Tannenbaum. Schön geschmückt, statt diese vollgepropften Tannenbäume, bei denen nix mehr grün ist vor lauter Deko. 😉
    Viele Grüße
    Conny

  2. Hi Tessa,
    ich finde es sehr interessant wenn man so eine Zeit mal in einem anderen Land verbringt wo andere Traditionen gepflegt werden. Ich war einmal Weihnachten in Indien, das war auch lustig – Weihnachten Barfuss im Sand 🙂
    Dein Artikel gefällt mir sehr gut und das passt natürlich sehr schön in unseren OutdoorBlogger Adventskalender. Toll das Du einen echten Baum organisiert hast.
    Liebe Grüße und wunderbare Weihnachtstage wünsche ich Dir und Deiner Familie
    Jürgen

    1. Hi Jürgen.

      Vielen Dank für dein Lob! Japan ist schon eine andere Welt.

      Wünsche dir und deiner Familie auch frohe Weihnachten!

      Viele Grüße aus Tokio,
      Tessa

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